Redebeitrag anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012 um 18 Uhr auf dem Marktplatz in Zossen, auf Einladung der Bürgerinitiative Zossen

Dr. Hans Coppi, Vorsitzender Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)

In vielen Orten Deutschlands wird heute an die Opfer des Faschismus in Deutschland erinnert. Zu den Verfolgten des Nazi-Regimes gehörten auch Zehntausende politische Gegnern des Naziregimes. Es waren Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Konservative, Liberale, Intellektuelle, Künstler, Christen und Menschen, die Juden und andere Verfolgte halfen.
Die deutsche Arbeiterbewegung war der Hauptgegner der Nationalsozialisten. Nach dem Reichstagsbrand wurden in den folgenden Wochen über 45.000 Menschen – überwiegend Kommunisten aber auch Sozialdemokraten und Gewerkschafter – festgenommen, misshandelt gequält, zu Tode geschunden oder in den Selbstmord getrieben. Eine nicht vorstellbare Brutalität überrollte das Land. SA und Polizei holten in Köpenick vom 21. bis 26. Juni 1933 über 500 Nazigegner aus ihren Wohnungen. 24 starben nach bestialischen Folterungen.


Die Köpenicker Blutwoche war offensichtlich das Signal für die Zossener NSDAP, ihren Gegnern eine Lektion zu erteilen und (im wahrsten Sinne des Wortes) jeglichen Widerstand aus der Arbeiterbewegung zu brechen. Am 29. Juni 1933 wurden auf dem Gelände der heutigen Berufsschule 52 Mitglieder der KPD –  wahrscheinlich der gesamte Zossener Ortsverband – sechs der SPD und 32 weitere Nazigegner von SA-Angehörigen misshandelt und verhört. 32 Kommunisten und Sozialdemokraten wurden zu Rädelsführern stilisiert und noch in derselben Nacht in das Konzentrationslager Oranienburg verschleppt. In der alten Brauerei waren im Juli/August 1932 an die 1.200 Häftlinge weggesperrt.  Sie mussten arbeiten, wurden schikaniert, misshandelt, gedemütigt, entwürdig, litten unter Hunger, Kälte in den Übernachtungsräumen, unter Rechtlosigkeit und Krankheiten. Mein Vater, ein Jungkommunist, kam nach seiner Festnahme im Februar 1934 für einige Wochen in die alte Brauerei, gerade 18 Jahre alt gehörte er zu den Jüngsten . Was mag Oranienburg an Spuren in ihm und in all den anderen hinterlassen haben? Vielleicht hat ihn auch dieses Erlebnis, ein Einschnitt in seinem jungen Leben, darin bestärkt, sich später den Widerstandskreisen um den Offizier im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen anzuschließen. Die Gestapo nahm im Frühherbst 1942 über 120 Hitlergegner in Berlin fest und ordnete sie dem Ermittlungskomplex „Rote Kapelle“ zu. 48 Frauen und Männer wurden zum Tode verurteilt, darunter auch meine Eltern. Meine Mutter war schon hochschwanger, als sie verhaftet wurde. Ich konnte noch acht Monate im Frauengefängnis bei ihr bleiben. Mit den Erzählungen ihrer Freunde und meiner Großeltern bin ich aufgewachsen. Fotos aus ihrem kurzen Leben und Briefe aus der Haftzeit sind mir geblieben, der Verlust begleitet mich mein ganzes Leben.
Für 15 Zossener Antifaschisten verlängerte sich – nach den Torturen in Oranienburg – das Martyrium. Sie kamen in das KZ Sonnenburg, einem stillgelegten Zuchthaus, 20 Kilometer östlich von Frankfurt Oder gelegen. Dort wurden auch Carl von Ossietzky und Hunderte von willkürlich verhafteten Hitler-Gegner durch Berliner SA-Angehörige  weggesperrt. Wilhelm Witt, Stadtverordneter der SPD, erhielt nach seiner Entlassung durch den Magistrat der Stadt ein Aufenthaltsverbot für Zossen. Er starb 1936 an den Folgen der Haft. Wir wissen nicht, wie die anderen nach ihrer Entlassung gelebt, welche Ängste ihre Frauen und Familien ausgestanden haben.10 jüdische Bürger aus Zossen wurden in Vernichtungslagern ermordet und Victor Cohen nach dem Pogrom am 8. November 1938 in den Tod getrieben. Nach der Befreiung schwiegen viele, die Täter und wohl auch die überlebenden Opfer des Nazirgimes über das, was sie durchlitten hatten.
Es klingt mir immer noch schrill in den Ohren, wie heute zwei Jahren Neonazis aus Zossen und Umgebung mit Sprechchören, Trillerpfeifen und Tröten die Gedenkveranstaltung – von der zahlreich anwesenden Polizei daran nicht gehindert – stören und die Opfer des Faschismus verhöhnen konnten. „Lügen, Lügen“ schallte es über den Marktplatz, als die Todesorte Auschwitz und Theresienstadt genannt wurden. Es war nur wenige Tage nach dem Brandanschlag auf das Haus der Demokratie. Daniel Teich, Anstifter beider Aktionen, wurde für diese Straftaten am 30. November zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Er war einer der führenden Köpfe aus der inzwischen verbotenen Kameradschaft Teltow-Fläming.
Die im Dunstkreis der NPD operierenden Freien Kameradschaften und andere neonazistische Netzwerke adaptieren und übernehmen gewalttätige Provokations- und Aktionsformen der SA. Als „politische Soldaten“, deren Vorbild sie in der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP finden, agieren sie als gewalttätige Trupps.
Die viel zu spät aufgedeckte Mordreihe des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ aber auch die Zunahme von Brandanschlägen wie auf das Haus der Demokratie in Zossen aber auch auf das Anthon-Schmauss-Haus der Falken in Britz und zahllose Übergriffe auf Menschen, die nicht in das Weltbild der Neonazis passen, verlangen ein Umdenken in der Auseinandersetzung mit der Neonaziszene und mit dem bis in die Mitte der Gesellschaft reichenden Rassismus und Rechtspopulismus. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten fordert mehr Transparenz bei der Aufklärung der Mordserie und des Versagens von Verfassungsschutz und Polizei.
Zu dieser Transparenz gehört auch, dass die Polizei nicht nur Anzeigen von Bürgern aufnimmt, die Morddrohungen erhalten oder auf Internetseiten als Gegner namentlich genannt werden, sondern dass sie auch die davon betroffenem Bürger über ihre Ermittlungen informiert und sie schützt. Ich finde es sehr bedenklich, dass die Gemeindevertreter und die Bürgermeisterin die Morddrohungen und die Aktivitäten von Neonazis in Zossen nicht verurteilt und den Betroffenen ihre Solidarität ausgesprochen haben. Stattdessen werden Bürgerinnen und Bürger, die gegen Nazis und Rassisten in der Stadt „Gesicht zeigen“, als „Nestbeschmutzer“ und „Linksextremisten“ verunglimpft. Die in keiner Weise zu rechtfertigende Gleichsetzung in dem vom Verfassungsschutz im kalten Krieg kreierten und in der Realität nicht existierenden „Links- und Rechtsextremismus“ verharmlost neonazistische und rassistische Gewalttaten.
Auch vor dem Hintergrund der Nazimorde sollte endlich die Kriminalisierung zivilgesellschaftlicher und antifaschistischer Proteste gegen Naziaufmärsche eingestellt, die NPD gesellschaftlich geächtet und verboten und die Alimentierung neonazistischer Organisationen durch den  Verfassungsschutzes aufhören. Das geht eigentlich ganz einfach, indem die V-Leute abgeschaltet werden. Es ist etwas faul im Staate, wenn der Verfassungsschutz die Aufklärung von neonazistischen Mordtaten verschleiert und gleichzeitig Abgeordnete der Linken im Bundestag und in den Landtagen observiert.
Die vom Mord an Millionen Opfern des Faschismus und an den inzwischen über 180 Opfern neonazistischer Anschläge seit 1990 im wiedervereinigten Deutschland ausgehende Mahnung ist auch ein Auftrag, die Ursachen dieser Entwicklung in der Gesellschaft schonungslos aufzudecken und die Auseinandersetzung mit Neonazis und Rassisten, in Deutschland, Berlin-Brandenburg und auch in Zossen mit größerer Entschiedenheit zu führen.
Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Als sich die befreiten Häftlinge von Buchenwald am 19. April zu ihrem letzten Appell und zu ihrem ersten in Freiheit versammelten, schworen sie: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Ich möchte den Zossener Bürgern danken, die sich für dieses (unerfüllte) Vermächtnis in ihrer Arbeit einsetzen.

Hans Coppi

P.S. Am 28. Januar las ich , dass der Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Ansprache  zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag aufgerufen hat, sich dafür „einzusetzen, dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können. Das ist unser Ziel. Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben. Aber: Jeden Tag setzen sich überall in Deutschland Bürger dafür ein. Da sind Einzelne, Vereine, ganze Dörfer, da sind Menschen, die den Rechtsextremen, die durch ihre Städte marschieren wollen, immer wieder entgegentreten und zeigen: Wir dulden eure Diffamierungen, euren Hass nicht, schon gar nicht eure Gewalt. Es sind Menschen, die Zivilcourage beweisen, die nicht wegsehen, Diskriminierungen nicht unwidersprochen stehen lassen. Es sind Menschen, die ein Beispiel geben, die Mut machen. Dieses Engagement werden wir brauchen und diesen Mut auch.“

Diese Worte erschienen mir wie eine Laudatio auf die Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ und die vielen zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Initiativen.